Ausgabe 22, Mai 2010 | In Marketing | 0 Kommentare

„…und täglich wirbt dasselbe Gesicht"

Durch die Digitalisierung hat sich der Markt für Stockfotografie in den letzten zehn Jahren drastisch gewandelt. Agenturen und Unternehmen müssen erst noch lernen, mit der neu gewonnenen Bilderflut umzugehen.

Fotoautomat

Für Agenturen, Fotografen und Redakteure bedeutet das Billig-Segment Microstock viele neue Möglichkeiten der Bebilderung – birgt aber auch Gefahren: Preisdumping, Austauschbarkeit und den Verlust von Werbewirkung.

 

Benötigte ein Bildredakteur früher ein Foto, durchsuchte er entweder sein Archiv, beauftragte einen Fotografen mit der Arbeit oder rief bei einer Bildagentur an und beschrieb seine Vorstellungen am Telefon. Er erhielt dann eine Reihe von Vorschlägen und wählte aus dieser Vorselektion das passende Motiv aus. Diese Vorgehensweise hielt sich bis in die 1990er Jahre und sorgte für einen klar abgegrenzten Markt:Bildagenturenbedientenihre Kunden primär regional und physisch; einzelne Agenturen spezialisierten sich (z.B. auf Naturfotos oder Aufnahmen von Lebensmitteln) und die großen internationalen Archive für Presse und Werbung beschäftigten Fotografen exklusiv. Die Verwendungsgeschichte eines Bilds war rückverfolgbar und Fotos konnten Kunden auf Wunsch exklusiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Arbeit ließen sich die Agenturen teuer bezahlen und täten es sicher heute noch, hätten ihnen nicht Digitalisierung und Online-Datentransfer einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Microstock: Kind der Digitalisierung

Die sogenannte Stockfotografie – im Gegensatz zur Auftragsfotografie werden hier Bilder zu bestimmten Themen auf Vorrat produziert – erlebte mit dem Aufkommen von digitaler Fototechnik und Breitbandleitungen eine radikale Umwälzung des Geschäftsfeldes. Denn: im Gegensatz zu analogen Bildern müssen digitale Daten nicht regional vorhanden sein und bei im Werbebereich eingesetzten generischen Motiven (wie z.B. Büroalltag, Familie, Urlaub) ist exklusive Bildnutzung weniger wichtig als in der Tagespresse. Die heutigen, schnelllebigen Kommunikationsmedien haben einen großen Bedarf an vielen, günstigen und sofort verfügbaren Bildern. Daher florieren neben Fotolia, istockphoto oder Shutterstock viele Fotoportale im Internet, in welche Profifotografen und Amateure ihre Bilder lizenzfrei einspeisen. Selbst die Telekom ist mit Polylooks inzwischen in den lukrativen Markt eingestiegen. Je nach Motiv und Verwendungszweck kosten die meisten Fotos bei den Microstockanbietern zwischen wenigen Cents und €10 (von den niedrigen Preisen stammt der Begriff „Micro“stockagentur – wobei auch diese Unternehmen ihr Angebot momentan um Premiumsegmente erweitern und Bilder zum Preis von mehreren hundert Euro anbieten).

Wie oft kann man ein Bild verkaufen?

Solch günstige Preise ermöglichen es heute jedem, hochwertige Bilder für Broschüren, Flyer, Zeitungen und Webseiten zu verwenden, ohne die Preise der klassischen Bildarchive oder die Dienste eines eigens bestellten Fotografen bezahlen zu müssen. Auf den Service einer professionellen Bildselektion muss dabei allerdings verzichtet werden: gut und gerne kann man sich durch mehrere Tausend Treffer klicken, bevor man das passende Motiv gefunden hat. Die Agenturen machen ihre Umsätze dabei über die Masse der verkauften Bilder, nicht über teure einzelne Fotos. Für Fotografen bedeutet dies zunächst eine Vermarktungsplattform für ihre Arbeiten,aber auch eineweitere Form von Preisdumping in einer Branche, die für schlechte Bezahlung bekannt ist.