„40 Jahre buhlen um die Gunst der Geliebten in der Sprache des Verführers“

Die wichtigste Lektion aus vier Jahrzehnten Agenturarbeit: Zustimmung ist das A & O im Werbegeschäft. Rainer Schultz erzählt, wie er im Laufe der Jahre zu seinen "Jas" kam.

Titelbild
Agenturgründer und Herausgeber der "Die Zwei" Zeitung: Rainer Schultz

Als Texter ist man ständig auf der Suche nach Formulierungen, die ein einziges didaktisches Ziel verfolgen: „Ja.“ Dieses Wort beinhaltet alles, es macht müde Männer munter, es hilft übern Berg, es macht Frauen glücklich und Chefs ebenso, es ist nach dem Heiratsantrag eine Offenbarung und nach einer gewonnenen Präsentation pure Freude. Der Leser hat verstanden: zwischen ja und nein liegt eine dramatische Gegebenheit, die man getrost auch die Würze des Lebens nennen kann. „Nein gibt’s nicht“, zumindest verbietet sich uns Textern die Benutzung dieses  – weil so negativ behafteten – Worts. Dabei ist es bei näherer Betrachtung ebenso wichtig wie sein Pendant auf der anderen Seite.

 

Ein „Nein“ war der Anfang der Agentur „Die Zwei“, die am 1. September 2010 vierzig wurde. Als ich als einer von „Die Zwei“ die Agentur beim Handelsregister anmelden wollte und dem Beamten etliche Formulare überreichte, schaute dieser in die für ihn wichtigste Zeile. „Haben Sie das Geld schon eingezahlt?“ fragte er mit einem hämischen Grinsen, denn nach meiner Kleidung war ich höchstens für ein paar Mark gut. „Eine GmbH können Sie nur gründen, wenn sie das Geld haben, also kommen Sie wieder, wenn Sie es haben.“ Ich verkaufte alles, was ich an Wertsachen besaß, einen alten BMW 503 (Damals meine Geliebte mit acht Zylindern und einem Styling, das einem Männerherz die Sprache verschlug). Immerhin hatte ich nach meinem Ja-Wort für dieses Fahrzeug ewige Treue geschworen. Und so kam es, dass ich für die erste und letzte Scheidung in meinem Leben einen erklecklichen Betrag einheimsen konnte. Und so war schnell das Geld beisammen: ich besaß kein Auto, kein Klavier, keinen Fernseher mehr und der verkaufte Kleiderschrank wurde durch eine Stange ersetzt: daran hing der blaugestreifte Anzug, dem ich in den nächsten zwei Jahren so viele positive Präsentationen verdankte. Ich beschloss also, im September des Jahres 1970 das Wort „nein“ nur im Zusammenhang mit meiner persönlichen Situation anzuwenden: „nein, dieses Auto kann ich nicht kaufen, nein, ich kann noch keine Familie ernähren, nein das Gulasch möchte ich nicht, nein, nein und nochmals nein.“ Wie viele Kundengespräche habe ich in meinem blauen Nadelstreifen geführt und wie oft das „ja“ benutzt. Unglaublich viele.

Es brummt in der Kaiserstraße 33 und 36

Allerdings war das „ja“ nicht immer leicht zu erreichen. Für eine renommierte Lederwarenfabrik schlug ich vor, eine Postkutsche mit Viergespann als Motiv für ein Fotoshooting zu verwenden und daraus eine Hingucker-Kampagne zu machen. Der Kunde war begeistert von der Idee, der Beamte vom Verkehrsmuseum Nürnberg war es nicht. Ihn dahin zu bringen, „ja“ zu sagen, das hat Nerven und Zeit gekostet. Der Kunde war versessen auf die Postkutschenidee, ich natürlich auch und der Beamte des Museums wurde ein guter Freund der Agentur. Das Verkehrsmuseum war ein idealer Hort für Ideen: Im Ludwigswagon von 1865 wurde Unterwäsche fotografiert. Der Kunde suchte eine fürstliche Positionierung und eine gestickte Krone zierte fortan die Mieder und Schlüpfer aus feinstem Satin. Die Kundinnen sagten „ja“ und trugen die Krone Tag und Nacht. Komisch, dachte ich mir damals, warum ist auf diese simple Idee noch keiner gekommen? Plötzlich war die Krone auch auf Herrenhemden, auf Handtaschen usw. zu finden. Der Kunde ist doch schließlich König oder? Die Siebziger waren in ihrem Zenit, im Fernsehen lief die Serie „Die Zwei“ (den Namen hatten sie uns geklaut). In der Agentur brummte es. Aus „Die Zwei“ wurden zwanzig, vis a vis unseres Büros in der Kaiserstraße 36 wurden 300 qm dazu gemietet. Eine Präsentation folgte auf die andere und der Umsatz stieg beträchtlich. Ende der Siebziger kam ein Anruf vom Axel Springer Verlag:„Können Sie ein Spiel entwickeln, das Kinder begeistert?“. Die Antwort war klar. 1979 – im Jahr des Kindes – wurde das Herz für Kinder geboren, ein Spiel, ein Film und eine beispiellose PR-Kampagne. Heute hat das Herz die Dreißig und ist trotzdem jung geblieben. Spielwaren waren für die Agentur das Brot-und-Butter-Geschäft. Die Achtziger waren damit ausgefüllt.

Die Neunziger: Dresden und der Aufbau Ost. Die Goethestr. 20

„Können Sie uns eine neue Kollektion entwickeln?“ Der Anruf war ein Hilferuf. 3000 Menschen in Großschönau in Sachsen wollten beschäftigt sein. Dass das Utopie war, wussten damals Wenige, dass es aber trotzdem irgendwie weitergehen muss, alle. Die Agentur eröffnete eine Dependance in Dresden und bildete dort ansässige Designer und Texter aus. Es folgten anstrengende Jahre. Das Pendeln zwischen Ost und West war auch eine logistische Aufgabe. Was tut man im Stau, wenn gar nichts mehr geht? Antwort: Konzepte schreiben. Telefonieren, delegieren. Sieben Jahre dauerte das Engagement. Die Kunden „Ost“ haben alle überlebt und sind mit ihren Produkten weltweit gefragt.

Der neue Markt und gsm-design

Als Mitte der Neunziger der Computer die Haushalte eroberte und das Internet anfing, die Welt zu verändern, da funkte es auch bei der Agentur „Die Zwei“. Die Multimedia-Agentur „gsm design“ wurde gegründet und das Angebot „Kommunikation“ erweitert. Inzwischen ist „gsm design“ ein gefragter Partner für E-Learning, Produkt-Präsentationen, Online-Dienste etc. geworden. Kunden wie Gruner und Jahr, Langenscheidt, Eichborn, etc. lassen neue Online-Produkte und -Dienste von „gsm design“ entwickeln. Kreativität ist eine der schönsten Begabungen, wenn man sie Nutzen bringend vermarkten kann. Viele gsm-Kreationen haben begehrte Preise eingeheimst, wie die Kindersoftware-Auszeichnung „Tommy“, Gigamaus, usw.

Alles tun, was den Menschen zufrieden macht, ist eine der schönsten Aufgaben, die es gibt.

Wenn ein kreativer Mensch die Aufgabe erhält, jemandem eine Freude zu machen – und darum dreht sich das Kerngeschäft der Agentur – dann kann daraus eine Musik, ein Text, eine Graf k, ein Film, ein Spot, eine Botschaft oder ein Quäntchen Glück entstehen. Kunden, die zur Agentur kommen – und das ist seit vierzig Jahren so – möchten Ihre Idee oder ihr Produkt den Menschen verkaufen. Dazu braucht man heute wie vor vierzig Jahren Ideen und Inszenierungen, Drehbücher und Konzepte, die das Herz des Kunden erreichen, und das „ja“, das schließlich den Kauf auslöst.

 

Vorausgesetzt, das Produkt und die Leistung halten, was sie dem Kunden versprechen – davon müssen kreative Köpfe immer aus-gehen – dann ist es eine Faszination und eine Freude, daran zu arbeiten und zu entwickeln, dass das kleine oder große Glück in dem Ausspruch gipfelt: Ja.

16.02.2011
14:21
Uli Schauer:

Auch von meiner Seite ein herzlicher Tusch zu so viel Stehvermögen!

26.10.2010
13:51
Thomas Lappe:

Glückwunsch zu 40 Jahren Die Zwei! Und zur super neuen Blog-Zeitung, weiter so. Kompliment für so viel Arbeit und so viele Ideen!