„Es zieht!“ - Wie sagen wir trotzdem, was wir nicht sagen? Kommunikation im Alltag.

„Um die Ecke hat ein neuer Italiener aufgemacht“. Dass die Ehefrau ihren Mann hier eigentlich fragt, ob das Paar nicht einmal wieder Essen gehen will, entgeht dem Angesprochenen und frustriert folglich die Frau. Dieses Beispiel stammt aus dem Band Deutsch – Frau, Frau – Deutsch, mit dem der Langenscheidt-Verlag die schon sprichwörtlichen Kommunikationsunterschiede zwischen den Geschlechtern aufgegriffen hat.

 Mit dieser Wörterbuchreihe (dem erwähnten Buch folgte schnell Deutsch-Mann, Mann-Deutsch) verspricht der Verlag augenzwinkernd, die daraus oft resultierenden Verständigungsprobleme zu lindern. Damit haben die Autoren den richtigen Nerv getroffen. Der große Erfolg der Serie hat den Sprachenverlag dazu bewogen, die Reihe noch zu erweitern. Inzwischen gibt es auch Bände, in welchen Kabarettisten die Sprache von Ärzten, Politikern und Chefs übersetzen.

Wie wir sprechen, hängt von vielen Faktoren ab

Natürlich leben diese „Wörterbücher“ größtenteils von der humoristischen Darstellung gewisser Klischees, die einzelne Bevölkerungsgruppen betreffen – jedoch enthalten sie einen beträchtlichen Klumpen Wahrheit: nämlich, dass wir im alltäglichen Leben oft Übersetzungen brauchen, weil wir gar nicht eigentlich sagen, was wir sagen. Was sagen wir stattdessen?  Und was ist das für ein seltsam missverständliches Kommunikationsverhalten, über das wir herzhaft lachen, das uns gleichzeitig aber jede Menge Kopfzerbrechen bereitet?

 

Genauer betrachtet geht es hier um zwei verwandte Gebiete der Sprachforschung: das eine ist die Frage,wie sich die gesellschaftliche Stellung, bzw. die Angehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe auf die eigene Sprache auswirkt; das andere ist die so genannte Pragmatik, die sich mit dem Verhältnis zwischen dem Inhalt einer Aussage und der tatsächlichen Äußerung befasst.

Sprachgebrauch ist gruppenspezifisch

Warum die Menschen unterschiedliches Vokabular, Satzstrukturen, Rede-wendungen, etc. gebrauchen, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine typische Eigenschaft von Sprache ist etwa, dass gesellschaftliche Gruppen (z.B. Programmierer, Studenten, Hip-Hop-Fans, Senioren, etc.) Gemeinschaften bilden, für die der Jargon der Selbstdefinition und der Abgrenzung anderen Gruppen gegenüber dient. Jedoch gehört natürlich jeder Sprachbenutzer zu mehreren solcher Gruppen und gleicht seinen Sprachgebrauch je nach Gesprächspartner an. Alters- sowie Klassenunterschiede spiegeln sich in der Sprache wider. Wenn generell der Dialektsprache zwar ein geringeres Sozialprestige zugeschrieben wird als der Hochsprache, ist auch dies abhängig vom Sprecherkreis. Frühe soziolinguistische Studien ergaben, dass der Gebrauch von Hochsprache in traditionell von Arbeitern bewohnten Gegenden abgelehnt wurde, da der Dialekt eine ausgeprägte gruppenbindende Wirkung hatte und Solidarität mit der Gemeinschaft ausdrückte.

Was wollen wir erreichen?

Verwendung von Sprache drückt aber nicht nur Klassenunterschiede aus, sie ist auch geschlechtsabhängig. So verwenden Frauen in der Unterhaltung etwa mehr so genannte minimal responses (wie ja, aha, hm, etc.) als Männer; diese drücken jedoch unterschiedliche Kommunikationsabsichten aus: während sie bei Männern tendenziell eher reine Zustimmung bedeuten, verfolgen Frauen damit die Absicht, den Sprecher zu ermuntern, weiter zu erzählen, bzw. Interesse an der Unterhaltung zu bekunden. Eine geringe Anzahl von minimal responses eines Mannes im Gespräch mit einer Frau kann also bedeuten, dass er ihr zwar zuhört, aber nicht allem zustimmt, was sie sagt.

 

Einige Wissenschaftler argumentieren daher, dass Männer und Frauen generell unterschiedliche Ziele im Gespräch verfolgen. Während für Männer die Informationsvermittlung im Vordergrund steht, benutzen Frauen Gespräche vor allem für den Aufbau und Erhalt zwischenmenschlicher Beziehungen – was das Unverständnis vieler Männer für stundenlange Telefongespräche mit der besten Freundin genauso erklären würde, wie die von Frauen oft als brüsk empfundene schnelle „Abfertigung“ am Telefon. Dass dies nicht nur für den Haussegen von Interesse ist, sondern auch im Büroalltag und im Marketing beachtet werden sollte, liegt auf der Hand.