„Fasse Dich kurz?“ … Nachruf auf ein kleines, gelbes Örtchen

Viele Jahre ist es her. Irgendwo oder besser nirgendwo stand eins, wenn man es brauchte, das kleine gelbe Häuschen mit dem Posthorn drauf und mit dem schweren Telefon drin, mit einem zerfledderten Telefonbuch auf dem Tisch, bei dem immer die Seite fehlte, die man dringend für die Nummer brauchte.

Gelbes Telefonhäuschen

 

Wenn man Glück hatte, war niemand in der Nähe, der zielgerichtet auf das Häuschen zusteuerte. Könnte ja sein, dass der gerade im selben Moment auch mit seiner Mutter sprechen wollte. Und so etwas kann dauern. Manchmal, bei Regen und Kälte, schien es, als ob sich die Menschen in ihm aufwärmen wollten, denn es konnte bis zu zwanzig Minuten dauern, so ein Gespräch mit der Mutter.

Allein ins Gespräch vertieft war man nur, wenn die Tür geschlossen war.

Wenn der Zigarettenqualm den Innenraum vernebelte, oder wenn das Gespräch das Blut in Wallungen geraten ließ. Solche Gespräche gab es zur Genüge. Gespräche mit Behörden zum Beispiel, eine Beschwerde, eine Reklamation, eine Petition, solche, bei denen man aus Verständigungsgründen immer eine Sauwut bekam.

 

Liebesschwüre waren eher selten, dazu eignete sich das Häuschen nicht. Oder das Geld lag ausgebreitet da, genug für einen langen Flirt, 10 Pfennig rein und bei einer gewissen Entfernung konnte man dafür gerade mal sagen: „Wie schön mit Dir zu reden“. Ein Licht flimmerte auf, ein rotes Licht, was bedeutete, gleich ist es aus mit der Plauderei. Zwei, drei Worte und aus! Aus war der Traum, alles ins Lot zu bringen. Die geldgierige Post hat wie mit einem Säbel dazwischen gehauen, die Worte durchtrennt. Draußen vor der Tür stand wie immer ein Typ, ungeduldig das Standbein wechselnd, finstere Miene. Man gibt ein Zeichen, es dauert noch, verstanden. Der Typ schaut noch finsterer. Jeder hat mal draußen und mal drinnen gestanden. Das Erlebnis drinnen und das andere Erlebnis draußen sind völlig unterschiedlich. Weghören, wenn drinnen ein Ehekrach ausgetragen wurde, nein, da konnte man mitunter mitbekommen, was Sache ist, wenn man seine Meinung sagen will. Und Meinungen können auch verdammt lange dauern, wenn der andere an der Leitung genötigt ist, zuzuhören.

Jetzt ist das gelbe Häuschen weg, ein für allemal.

Irgendwie schade, war es doch ein ganz besonderer Ort, ein schützender Hort, für Geschichten, Gespräche, Wutanfälle, Freudenschreie, Trauerszenen. Es würde reichen, nur die eine Seite der Telefongespräche zu kennen, um die Welt besser verstehen zu können. Die andere Seite bleibt sowieso immer im Verborgenen.

 

Schade, dass heute bei den Handys der Groschen nicht mit lautem Krachen fällt oder eine Computerstimme dazwischenfunkt: „Halte dich kurz!“