„Weil Gesundheit auch Hautsache ist“

So wie bei dem Hersteller von Hautpflegeprodukten Vichy, werden heute überall Produkte unter dem Leitsatz der Gesundheit angeboten. Von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Möbeln und Freizeitangeboten: sie ermöglichen es dem Konsumenten gesund zu leben. Warum aber erzielt diese Strategie einen solchen Erfolg?

ICE

Tatsächlich nimmt der Wert der Gesundheit in unserer modernen Gesellschaft stetig zu. Angesichts der Tatsache, dass die Grundbedürfnisse wie Essen oder Schlafen, für den größten Teil der Bevölkerung erfüllt sind, will man nach Höherem streben – was bietet sich da besser an, als ein möglichst langes und dabei gesundes Leben zu führen? Doch auch die Angst vor dem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme lässt viele Menschen besser vor- als nachsorgen. Ging man früher zum Arzt, weil man krank war, sucht man ihn heutzutage auf, damit man gar nicht erst krank wird. Neben diesem Trend zur Prävention ist allerdings noch ein weiterer Wandel festzustellen: Während die früheren Generationen ihre Gesundheit den Ärzten anvertrauten, nimmt man diese Verantwortung heute selbst wahr. Man sorgt sich um die Erhaltung der eigenen Gesundheit und ist bereit viele Maßnahmen – welche die von den Krankenkassen finanzierten Leistungen übertreffen – selbst zu finanzieren. Dabei spiegelt sich ein weiterer Aspekt des neuen Verhältnisses zur Gesundheit wider, nämlich ein neues Verständnis jener. Gesundheit wird nicht mehr nur als das Nicht-Vorhandensein von Krankheit verstanden, sondern als ein vollständiges körperliches, seelisches, geistiges und soziales Wohlbefinden.

„Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit.“

Diese Einsicht stammt von Platon und gilt 2500 Jahre später immer noch. Da kommt es uns ganz gelegen, dass sich die Industrie unserer Bedürfnisse angenommen hat: statt ständig frisches Obst und Gemüse kaufen und aufwändig zubereiten zu müssen, genügt es einfach einen Smoothie zu trinken und damit bereits unseren Vitaminbedarf für den ganzen Tag gedeckt zu haben. Unter der neuen Lebensmittelkategorie Functional Food versteht man Nahrungsmittel, die zusätzlich mit Probiotika, Präbiotika, Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren angereichert werden und damit zur Erhaltung der Gesundheit beitragen sollen. Wie wichtig diese Funktion geworden ist, zeigte eine Umfrage in Frankreich: dort ist das wichtigste Kriterium beim Kauf von Lebensmitteln – noch vor dem Geschmack – die Gesundheit! 1995 brachte Nestlé als erster Lebens-mittelkonzern Functional Food in Form des Joghurts LC1 auf den Markt, das die Darmflora ins Gleichgewicht bringen sollte. Bereits im Jahr 2000 wurden in Deutschland mit Functional Food 1,5 Milliarden Euro umgesetzt, Prognosen sagen einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent voraus.

„Gesundheit ist ein Logo, mit dem viel Geld verdient wird.“

Warben vor einigen Jahren noch Hersteller für Hautcremes, Zahnpasten oder Nahrungsergänzungsmittel mit dem Aspekt der Gesundheit, so kann dieser neuerdings in so gut wie jeder Branche als Verkaufsargument dienen: Dekorationselemente wie Himalaya-Salzkristalle sind eine Quelle für Gesundheit, der Anteil an gesundheitsgefährdenden Lösungsmitteln in Wandfarben nimmt kontinuierlich ab und Sportartikelhersteller bringen beständig neue Produkte auf den Markt, mit denen es immer leichter fällt, fit und gesund zu bleiben. Seit kurzem gibt es auch Kleidung aus /Organic Cotton/, was bedeutet, dass die Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau stammt und damit für einen gesunden Tragekomfort sorgt. Auch klassische Haushaltsprodukte wie Desinfektionsmittel, Haushaltsreiniger oder Lufterfrischer werben mit der Vorbeugung von Krankheit und damit dem Erhalt der Gesundheit, indem sie antibakteriell wirken und Keime verringern. Doch auch die Freizeit- und Touristik-Branche kann sich über den neuen Trend freuen: Yoga-Kurse und Nordic-Walking-Gruppen erleben einen regelrechten Ansturm, das Geschäft mit Gesundheitsreisen und Wellness-Aufenthalten boomt.

„Nur ehrlich ist gesund!.“

Inwiefern man nun diese Werbestrategie auch für das eigene Unternehmen nutzen kann, sollte wohl überlegt sein. Neben Preis und Qualität ist der Aspekt der Gesundheit zwar zu einem der wichtigsten Kriterien für Kaufentscheidungen geworden, jedoch sollte man sich davor hüten, jedes Produkt mit dem Etikett „gesund“ zu versehen: ein Kunde, der einmal enttäuscht wurde, ist ein verlorener Kunde.