Das Kerngeschäft zu verlassen, bringt meistens Verlust und Frust

Wie oft haben wir es registriert und den Kopf darüber geschüttelt, wenn große Unternehmen unter dem Drang zu Wertsteigerung und dem Druck der Aktionäre höhere Gewinne einfahren zu müssen, ihr Kerngeschäft vernachlässigen und sich in fremde Gefilde begeben.

Birnen

Mit der Zuversicht im Rücken, „es wird schon klappen, weil es ja immer geklappt hat“ und die einmal gemachte Strategien sich bewährt haben, will man alles auf neue Geschäfte und Ideen transferieren. Dies gelingt sehr selten. Der Begriff vom Shareholder Value wird von Aufsichträten und Vorständen lediglich als Steigerung des Aktienwertes aufgefasst. Dass er auch mit Verantwortungsbewusstsein einher geht gegenüber aller am Unternehmen Beteiligten, also auch gegenüber den Kleinaktionären, das wird zu oft ignoriert.

Gute Beispiele sind selten oder werden falsch kopiert.

Allen voran Tchibo: vom Kaffee-Versender zum Shop-in-Store-Anbieter zu mutieren, das war schon eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Natürlich hat das Jahre gedauert, bis die Zielgruppen das Konzept akzeptiert haben. Haben die Aktionäre Geduld gezeigt, waren die richtigen Manager am Werk? Sicher beides, sonst hätte es nicht funktioniert. Flops gibt es dafür zu Hauf, wie die jüngste Entwicklung des Karstadt-Quelle Konzerns aufzeigt.

 

Am Ende eines Flops vom Verlassen des Kerngeschäftes steht die Erfahrung. Das ist aber ein sehr schwacher Trost, weil nicht nur Geld sondern auch viele Arbeitsplätze vernichtet werden. Warum, und diese Frage sei ohne Beckmesserei gestellt, schaut man nicht auf gemachte Erfahrungen anderer?

Auf der Höhe des Erfolgs wird man allzu leicht übermütig.

Aus Fehlern - eben auch anderer - lernen, das ist eine oft zitierte Devise, aber keiner befolgt sie in Chefetagen der Entscheider, die ihr Kerngeschäft verlassen, um erfolgreich zu sein. Versucht haben das in der Vergangenheit schon etliche Kollegen und waren nicht erfolgreich.

 

Begeben wir uns in die Siebziger und Achtziger Jahre: Friedrich Jahn, der clevere Oberkellner und Sänger aus Wien hatte mit seiner Wienerwald-Idee den Nerv der Zeit getroffen: Gute Qualität zu günstigen Preisen und gutem Service zu bieten, das war seine geniale Geschäftsidee. Seine Grill-Hähnchen waren ein Klassiker, von seinem gutem Service haben Tausende Restaurant-Besitzer profitiert und ihn nachgeahmt. Der Erfolg gab ihm Recht: 1978 war Jahn Herrscher eines Imperiums von über 700 Lokalen in Österreich und Deutschland, was ihm Millionen Gewinne brachte – und viel Lob der Finanz- und Fachwelt. Die Banken lagen ihm zu Füßen. Sein damaliger Spruch in einem Fernseh-Interview „Das schönste Erlebnis ist das Erfolgserlebnis“, war sein Anfang vom Ende. Bekanntlich macht Erfolg süchtig, diese Sucht provoziert geradezu Fehler und der für gute Entscheidungen hinderliche Druck baut sich auf. Auf der Höhe des Erfolges stehen, dem Staat keine Steuereinnahmen gönnen, um sich herum nur opportunistische Berater und Mitarbeiter, keine Kritiker oder qualifizierte Diskutanten haben, das muss sich rächen. Man will eben „mehr“, die Aktionäre wollen mehr.

 

Die Banken wollen mehr. Dieser Kreislauf hört irgendwann auf sich zu drehen. Die Sache kippt, denn die Hybris im Unterbewusstsein sagt immer noch „Mir oder uns gelingt alles“. Friedrich Jahn wurde es zum Verhängnis. Er kaufte Hotels, Reisegesellschaften und eine Restaurant-Kette in den USA mit 900 Betrieben. Er konnte alles, er wusste alles, er machte alles selbst. Im Privat-Jet düste er von Ort zu Ort, von Kontinent zu Kontinent. Seine eigentliche Kompetenz war eine andere, nämlich sein guter Ruf als Gastronom. Der große Unterschied zwischen „habe ich“ und „hätte ich“ entschied schließlich über Tausende von Arbeitsplätzen. Und dass Friedrich Jahn fast nur sein eigenes Geld aufs Spiel setzte, ehrt ihn immerhin postum. Das Ende seiner Geschichte sei hier noch einmal ins Gedächtnis gerufen. 1982 hatte sein Imperium - bestehend aus Gastronomiebetrieben, Hotels und Reisegesellschaften - 250 Millionen D-Mark Schulden. Die Banken, Berater von einst, machten „den Hahn dicht“, Friedrich Jahn erlebte noch den ganzen Exodus, als Sänger verdiente er sich zuletzt seine Brötchen. Arm wurde er geboren, arm ist er aufgewachsen und arm ist er 1998 gestorben, dazwischen ist ihm für kurze Zeit durch eine geniale Geschäftsidee der Aufstieg zum Multimillionär gelungen. Er hatte alles verloren, die Kaufkraft seiner Kunden blieb ihm erhalten, nur die konnte er nicht mehr ausschöpfen.