Das Ohr kauft mit,

Sound-Designer sind heute an der Produktentwicklung immer mehr beteiligt.

Mikrofon
»Knackende Kekse versprechen Frische und Qualität«

Mit akustischen Einflüssen, die wir jeden Tag unbewusst wahrnehmen, beschäftigen sich seit Jahrzehnten die Produktentwickler. Sie haben durch ihr Mitwirken großen Einfluss auf die Kaufentscheidung, Sound zu generieren ist das Herzstück ihrer Tätigkeit. Hier ein Beispiel aus der Praxis: Stellen Sie sich mal in ein Autozentrum Ihrer Wahl und beobachten Sie dort die geführten Verkaufsgespräche. Eines ist sicher: Ein Vorgang der Kauffindung wird sein, dass der Verkäufer dem potentiellen Kunden die Tür nicht vor der Nase, aber ganz sicher vor seinem Ohr sanft ins Schloss fallen lässt. Vielleicht begleitet mit dem Satz: „Hören Sie, wie elegant diese Tür schließt.“ Das Zuschlagen einer Autotür kann uns Sicherheit, Eleganz oder Sportlichkeit vermitteln.

 

Und dieser Klang ist schon lange nicht mehr dem Zufall überlassen. Viele Sounddesigner arbeiteten daran, die Tür genauso klingen zu lassen, wie es dem Charakter des Autos entspricht. Und wenn dann der richtige Sound gefunden wurde, wird er unter anderem patentiert, damit er keine Nachahmer finden kann. Wie zum Beispiel das typische Knattern einer Harley Davidson, die schon längst nicht mehr aus technischen Gründen so klingt, wie sie eben klingt.

Der Ton macht den Unterschied

„Potato, potato, potato. Probieren Sie es! Sprechen Sie es laut und tief aus. Sofort werden Sie diesen unverwechselbaren Rhythmus erkennen. Diesen einzigartigen Klang, den so nur ein Harley-Motor von sich gibt.“ So lautete eine Printwerbung von Harley Davidson. Doch der Sound war in Gefahr, da er auf eine veraltete Motortechnik zurückzuführen ist und die Grenzwerte für Lärmentwicklung in den 90ern herabgesetzt wurden. Die Firma Porsche entwickelte im Auftrag von Harley Davidson eine Technik, die zum einen die Lärmentwicklung reduzierte, zum anderen den typischen Sound des „real heartbeat of America“ einer Harley beibehielt. Prompt wurde der neue (alte) Sound am 24. April 1995 von Harley Davidson patentiert, so dass man sich, zumindest in den USA, strafbar macht, wenn man mit einem nachgemachten Harleysound durch die Gegend knattert. Auch der Klang des Zufallens einer bestimmten Autotür von Daimler- Chrysler hat eine Patentlizenz. Wie wichtig dieser Ton ist, beschreibt der schwedische Klangdesigner Erik Ingermanson: „Dieser Mercedes-Sound ist ein Klassiker. Er vermittelt ein Gefühl von Qualität.“

 

Und bei Türen und Motoren bleibt es nicht. In Soundlaboren wird die psychologische Wirkung von z.B. Scheibenwischergeräuschen, Blinkern und elektrischen Fensterhebern getestet. Ausgesuchte Testpersonen müssen dann die Geräusche daraufhin analysieren, ob sie als störend, billig, kraftvoll usw. empfunden werden. Auch der Klang einer Firma ist längst nicht mehr nur verwachsen mit einer Erkennungsmelodie (z.B. Telekom), sondern auch mit dem Sound ihrer Produkte. Gerade deshalb, weil die Produkte verschiedener Hersteller sich immer ähnlicher werden. Qualität, Funktion und Design sind fast identisch, also versucht man durch den Sound zu differenzieren.

Großer Lauschangriff auf die Kaufentscheidung

Ein Rasierapparat für Frauenbeine klingt anders, als sein männliches Pendant für die Bartstoppeln. Da schnurrt das Epiliergerät elegant und sanft vor sich hin, während der Rasierapparat für „ihn“ brummend seine Arbeit verrichtet.

 

In Kopenhagen, am Dansk Design Center (DDC), wurden im Rahmen des Projektes „Sounds great“ Klänge für verschiedene Küchenherde entwickelt. Diese Sounds wurden dann von Testpersonen ausgewertet und den Geräten zugewiesen. So bekam ein AEG-Herd einen Klang von Zuverlässigkeit und Präzision zugeordnet, während bei dem Herd des italienischen Herstellers Zanussi ein weicher, freundlicherer, typisch italienischer Sound als passend empfunden wurde.

 

Ein anderes Beispiel kommt aus der Wurstbranche: Dort haben Untersuchungen ergeben, dass die Geräuschentwicklung beim Biss das Geschmackerlebnis stark beeinflusst. Bei einer knackigen Wurst wird auch ein knackiges „Abbeißgeräusch“ erwartet. Dieses vermittelt Frische.

 

Das Image wird also nicht nur über das Aussehen, sondern immer mehr auch über das Geräusch definiert. Sound-Designer werden in Zukunft sehr gefragte Leute sein.

 

11.07.2012
18:47