Deutsche Design-Geschichte: Otl Aicher

Otl Aicher entwarf das gesamte Erscheinungsbild der Olympischen Spiele in München 1972. Der Corporate Designer prägte Nachkriegsdeutschland mit seiner Verbindung einer ästhetischen mit einer sozialen Vision.

Dackel Waldi
Dackel Waldi trägt die Farben der Spiele und war ihr offizielles Maskottchen. Dackel sind in Bayern äußerst beliebt und haben „athletische“ Eigenschaften: Ausdauer, Muskulosität und Selbstbewusstsein…

Auch heute noch sind die Piktogramme für die verschiedenen Sportarten, die für die Olympiade 1972 in München entwickelt wurden, jedermann ein Begriff. Otl Aicher, der Typograph und Designer, der vom Organisationskomitee mit der Entwicklung des grafischen Erscheinungsbildes für die Spiele beauftragt worden war, war jedoch kein reiner Ästhet. Immer brachte er neben seinem klaren Stil auch seine persönliche Geschichte und seine philosophischen Ideale in die Lösung von Gestaltungsaufgaben ein.

 

Zeit seines Lebens war Otto (Otl) Aicher an Philosophie interessiert und um moralisch richtiges Handeln bemüht. Der 1922 in Ulm geborene Aicher war als gläubiger Katholik dem Nationalsozialismus gegen-über kritisch eingestellt gewesen. Er weigerte sich, in die Hitler-Jugend einzutreten, gehörte zum Freundeskreis der Geschwister Scholl und war ab 1952 mit deren Schwester Inge verheiratet. Nach dem Krieg studierte er Bildhauerei, brach das Studium aber nach kurzer Zeit ab, weil es ihm in Zeiten des Wiederaufbaus nicht richtig erschien, „schöne Kunst im stillen Kämmerlein“ zu praktizieren. Gemeinsam mit Inge Scholl und anderen gründete er die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die viele Prinzipien des Bauhauses weiterführte.

„Ästhetik ohne Ethik tendiert zur Täuschung“

Als Aicher den Auftrag bekam, die Olympischen Spiele visuell zu repräsentieren, war er durch seine Arbeit für die Firma Braun oder die Lufthansa bereits bekannt dafür, den Stil grafischer Gestaltung in Deutschland modernisiert und von ihrer Schwere befreit zu haben. Zu Aichers Arbeit gehörte aber immer auch die Auseinandersetzung mit der Theorie sowie den philosophischen Aspekten von Design. Er schuf die Begriffe „Visuelle Kommunikation“ und „Corporate Culture“ und bemühte sich in seiner Arbeit mit großen Firmen darum, dass diese nicht nur grafische Profile, sondern auch soziale Verantwortung entwickelten. Dabei vertrat er die Auffassung, dass Unternehmen sich nicht nur durch ihre Produkt- oder Dienstleistungen von Mitbewerbern unterscheiden, sondern auch ein einzigartiges gesellschaftliches Erscheinungsbild aufweisen sollten, welches durch ein Corporate Design repräsentiert wird. Ohne diese Gründung in einer Philosophie sei Gestaltung nur eine leere Hülle.

Olympia 1972: Gastfreundschaft bildlich ausdrücken

Dieser Gedanke prägte auch Aichers Arbeit für die Olympischen Spiele in München. Er überwachte sämtliche Designs, von der Uniform bis zum Eintrittsticket; Kerngedanke war, die Münchner Olympiade als modern und weltoffen zu präsentieren, waren doch die Wettkämpfe 1936 in Berlin vom nationalsozialistischen Gebaren und der Angst vor dem zweiten Weltkrieg überschattet worden. Aicher verstand die Festlichkeit der Veranstaltung „im Sinne spielerischer Improvisation, nicht als drapierten Glanz“. Daher wählte er mit Blau, Grün, Orange und Silber eine Farbgebung, die Helligkeit, Frische und Leichtigkeit ausdrücken sollte, gleichzeitig aber auch strukturierende Funktion hatte: Blau als Hauptfarbe stand für den Sport, Grün für die Presse, Orange für Technik und Silber für besondere Anlässe und Repräsentation. Die „Regenbogenpalette“ verzichtete bewusst auf Schwarz und Rot, da diese Farben durch die Nazis historisch vorbelastet waren. Eindeutigster Ausdruck des internationalen olympischen Geistes und der offenen Gastfreundschaft war aber sicherlich Aichers Entwicklung eine piktographischen Systems, dass es allen Besuchern ermöglichen sollte, sich auch ohne Sprachkenntnisse zurecht zu finden. Insgesamt wurden ca. 180 Symbole zu diesem Zweck gestaltet, wovon 21 Piktogramme die olympischen Disziplinen repräsentierten.

Aichers Vermächtnis

 

Otl Aicher, der 1991 an den Folgen eines Autounfalls starb, hatte entscheidenden Einfluss auf das Design des 20. Jahrhunderts. Seine Entwicklungen u.a. für die Lufthansa, die Firmen Erco oder Bulthaup sind nach wie vor in Gebrauch. Die Leitsysteme der Flughäfen Frankfurt, München und Amsterdam Schiphol arbeiten mit Aichers Piktogrammen; auch in der von Sir Norman Foster entworfenen U-Bahn in Bilbao orientieren sich die Passagiere anhand eines Systems (inklusive Typographie) von Aicher. Sein wichtigstes Vermächtnis ist aber sicherlich die konsequente Verwurzelung all seiner Arbeit in grundlegenden inhaltlichen Überlegungen, bei welchen Design immer Bestandteil einer umfassenderen Philosophie war.