Ethik im Business, gibt's das noch?

Wenn ein Unternehmen nicht auf seine Umgangsformen und Einstellungen zu Mitmenschen achtet, wird es ohne den großen Erfolg bleiben. Ethik zeigt, wie man Kunden und Mitarbeiter behandelt, es ist die Kunst, sich zu behaupten, ohne andere zurück zu drängen oder ihnen gegenüber Dominanz zu zeigen. Gute Beispiele gehen auf andere Menschen über, schlechte fallen dagegen unangenehm auf.

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»Der kühle Business-Style: ein Indiz für die Erkaltung in unseren Unternehmen?«

Der Begriff bzw. das Wort Ethik hat seinen Ursprung im alten Griechenland, als seine wenigen Einwohner die ersten Anfänge der Demokratie übten. „Ethos“ bedeutet Charakter oder Gesinnung. Der Philosoph Aristoteles, uns allen als der Lehrer von Alexander dem Großen in Erinnerung, meint damit die Wertbeurteilung des menschlichen Handelns. Man kann auch von Normen sprechen, die der Ethik zugrunde liegen, also der Denkart und der sittlichen Grundhaltung. Die Definition von Gut und Böse steht am Anfang ihrer langen Entwicklung. Was lobenswert oder zu tadeln ist, kann nicht über einen Kamm geschoren werden. Vielmehr gibt die Ethik die Einstellung eines Menschen wieder, wie er mit seinen Mitmenschen umgeht.

 

Auf die Haltung einer Firma bezogen lässt sich sagen, dass es von unterschiedlicher Seite betrachtet über die Grundhaltung verschiedene Ansichten gibt, je nachdem in welcher Position man sich befindet. Wenn ein Betrieb Leute entlässt, weil er keine Aufträge mehr hat, dann ist das eine Notwendigkeit zum Überleben, unethisch den Mitarbeitern gegenüber ist es jedoch allemal. Oder: Der bestbezahlte Vorstandsvorsitzende Deutschlands, Jürgen Schremp, handelt visionär und in der Absicht, einen Weltkonzern von gigantischer Größe zu schmieden, also ein Risiko einzugehen (Unternehmer müssen was riskieren, sagt man). Er möchte seinen Arbeitgebern (sprich den Aktionären) doppelten Gewinn bescheren. Handelt er ethisch? Wenn, wie jetzt geschehen, 90.000 Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, weil die Sache mit der Großfusion nicht hingehauen hat, kann man von einem doppelten Flop reden. Wäre er Unternehmer in seinem eigenen Betrieb, hätte er selbst die Geschicke seines Eigentums zu lenken und zu verwalten, dann hätte er sicher verantwortungsbewusster gehandelt.

 

Daniel Goeudevert, Ex-Manager von VW, hat die ethische Grundhaltung von Managern und Unternehmern auf den Punkt gebracht: “... wir brauchen nicht Steuerung von außen, sondern ein von innen kommendes Bewusstsein für die Verantwortung, die wir tragen.“

 

Ethik fängt bei ganz kleinen Gesten an.

Die ethische Grundhaltung eines Betriebes wird vorgelebt, und zwar von seiner Führung. Irgendwie stimmt die Meinung, dass gutes Benehmen prinzipiell nichts Schlechtes sei. Man hat es oder man hat es nicht. Gemeint ist eine Grundeinstellung, die erste Stufe zur Ethik. Wir sprechen heute von Unsitte und meinen damit einfach Gepflogenheiten, die man nicht tut. Da gibt es viele Beispiele, privat wie im Betrieb.

 

Fangen wir bei den „unsittlichen“ Gepflogenheiten an, mit denen man sich im kleinen wie im großen selbst ins Abseits stellt. Ist man auf der Seite der Auftragsvergabe, also in der „Machtposition“, darf man bei Terminen später kommen oder sich automatisch zum Essen einladen lassen? Die Einstellung ist nicht nur unethisch, sondern auch problematisch, weil daraus eine Erwartungshaltung werden kann. Selbstverständlichkeiten im Geben und Nehmen darf es aber nicht geben. Die momentane Situation allein ist ausschlaggebend, ob eine solche Zuwendung zustande kommen darf oder nicht.

 

Ein weiteres Beispiel: Die verschwiegene Absage. Sie ist eine Unsitte, die einfach nichts mit Ethik zu tun hat. Man bekommt eine interessante Anfrage, auf die man äußerst detailliert eingehen muss, damit alles rüberkommt, Kompetenz, Termin, Qualität, Menge etc. Man reicht das Angebot ein und wartet. Ja, oft wartet man bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Eine Absage oder Zwischeninformation bleibt aus. Bei einer telefonischen Nachfrage landet man bei einem Praktikanten, der lapidar zur Antwort gibt, der Auftrag sei bereits vergeben. Leider ist dies heute gang und gäbe. Wer seinem Betrieb bessere Umgangsformen verpassen möchte, sollte tunlichst solche Pannen vermeiden.

Wahre Ethik fängt da an, wo ein gutes Gefühl mehr sagt als 1000 Worte.

Es ist Usus geworden, dass man sowohl im privaten als auch geschäftlichen Bereich zu seinen Mitmenschen, Freunden, Kollegen und Partnern dann freundlich ist, wenn man von ihnen in irgendeiner Weise profitiert. Freundschaften sind da, um sich zu ergänzen. Beide haben etwas davon. Anders ist das schon bei Nachbarn oder miteinander konkurrierende Firmen. Der Neideffekt, dem anderen könnte es besser gehen, blockiert jeden offenen Umgang miteinander. Wenn nun zwei Geschäftspartner aufeinander treffen, um ein Geschäft abzuwickeln, von dem beide einen Nutzen haben, stellt sich eher Neutralität ein. Dies ist noch eine Stufe, die zu akzeptieren wäre. Leider beginnt bei der ersten Zusammenkunft eine Kälte, die jede potentielle Partnerschaft zunichte macht. Wenn der Preis zu hoch ist oder die Qualität nicht genügt, ist es aus mit der Freundlichkeit. Man hat sich nichts mehr zu sagen. OK. Das ist Business, sagt der Pragmatiker und überlegt nicht, dass jedes Geschäft um so effizienter zu bewerten ist, je höher Freundlichkeit und Sympathie einzustufen sind.

 

Die gleiche Freundlichkeit oder Kälte, die man seinen Geschäftspartnern zuteil werden lässt, lassen sich auch auf andere Dinge übertragen. Die Frage der Werte zum Beispiel. Man kann sie an vielen Dingen leicht erkennen. Es sind die Einstellungen zur Umwelt oder die Einstellung zu den Frauen im Betrieb. Hier setzt wirkliche Ethik an. Es ist der Weg über eine Brücke: Von der Egomanie zum vorbildlichen Verhalten, das nachahmenswert ist.

Albert Einstein, dessen 100. Geburtstag wir heuer gedenken, wird jetzt oft zitiert.

In einem seiner Briefe an seine Frau schreibt er über den Verlust der ethischen Werte in unserer Gesellschaft folgendes: „... Ich glaube, dass der erschreckende Verfall im ethischen Verhalten der Menschen in erster Linie mit der Mechanisierung und Entpersönlichung unseres Lebens zu tun hat – ein verhängnisvolles Nebenprodukt der Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Geistes. Nostra culpa! Ich sehe nicht den Weg, um diesem verhängnisvollen Mangel beizukommen. Der Mensch erkaltet schneller als der Planet, auf dem er sitzt.“