Kunst - Produkt - Massenware?

Prägnanz stimmiger Produktpolitik am Beispiel einer Kunstaktion

Hasenstück
»Zwei Wochen lang >begrünten< die Hasen den Nürnberger Hauptmarkt.«

Als "nicht ganz hasenrein" wird in der Jägersprache eine verdächtige, nicht ganz einwandfreie Sache bezeichnet.Als "nicht ganz hasenrein" scheint den Nürnberger Bürgern, einer Meldung der "Nürnberger Nachrichten" vom Oktober 2003 zufolge, inzwischen das "große Hasenstück" des Künstlers Ottmar Hörl.

 

Rückblende

Zum 500-jährigen Jubiläum des Dürer-Bildes »Das große Rasenstück« installierte der Künstler 7.000 grüne Plastikhasen auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Für alle Kunst- und Hasenfreaks gab es anschließend für 30,- Euro (signiert 90,- Euro) eines dieser liebenswerten sowie limitierten Kunstobjekte käuflich zu erwerben. Eine spektakuläre und unkonventionelle Veranstaltung, die der Stadt überregional einen erfreulichen Presserummel bescherte. Auch die Begeisterung der Nürnberger war groß, ebenso der »Run« auf die Optionsscheine, mit denen man sich einen Hasen noch während der Ausstellung sichern konnte. Für viele war es eine neue Erfahrung, sich ein »echtes Kunstobjekt« anzuschaffen.

 

Plötzlicher Imageverlust

Zwei Monate später beäugen die Nürnberger die grünen Hasen skeptischer. Überall sind sie nämlich noch zu sehen: im Schaufenster des Konditors, auf der Wursttheke des Metzgers und aus einigen gepflegten Gartenlauben spitzen die Lümmel hervor. Geht das mit rechten Dingen zu? Schließlich ist man es nicht gewöhnt, über kostbare Sammlerstücke immer wieder zu stolpern. Wurden mehr Hasen verkauft als angegeben? Man munkelt von grünen Hasen, die keine Lochbohrung aufweisen (ein Merkmal, dass sie an der Installation befestigt waren). Der Künstler weist jeden Verdacht empört von sich: Wo bekommt man sonst noch echte Kunst ab 30,- Euro?

 

Fallstudie in Sachen Hase

Wir thematisieren diese Aktion, weil wir in dieser Kunst-Aktion von Ottmar Hörl, der sich, laut Internetseite einer Künstler-Unternehmensberatung »in der Werkgruppe von Großskulpturen, die dem Seriellen verpflichtet sind«, versteht, Parallelen zu kommerzieller Marketingaktionen eines Unternehmens sehen. Uns interessiert, wie nach einem so erfolgreichen Event ein so gut eingeführtes und positiv belegtes Produkt, wie der grüne Hase, einen derartigen Imageverlust erleiden kann und beleuchten das Ganze von der marketingtechnischen Seite: Wo liegt da der Hase begraben?

 

7.000 Hasen sind eine große Auflage, wahrscheinlich wurden die meisten in die Region Nürnberg verkauft. Kein Wunder, dass man in und um Nürnberg öfters auf einen grünen Kameraden stößt. Anders aber mit weißen, schwarzen und roten Hasen die plötzlich auf der Bildfläche, vornehmlich in Museumsshops, erscheinen. Mischt man all diese Farben mit grün, erhält man verwaschenes grau. Als ebenso »unrein« wurde der Glanz des grünen Hasens plötzlich empfunden. Die neuen Varianten ließen das grüne Original als Massenprodukt erscheinen, das »Kunstobjekt« wurde zum kommerziellen »Kaufobjekt«.

 

Wären von Anfang an die »neuen Farben« als »kommerzieller Abklatsch« offen zur Sprache gekommen, dann wäre das Image des grünen Hasens wahrscheinlich erhalten geblieben. Auch wenn rechtlich alles seine Ordnung hat, der »Hasen-Kunde« fühlt sich nun betrogen. Eine andere Möglichkeit wäre ein sehr viel günstigerer Abverkauf der grünen Hasenstücke gewesen, z. B. zum Preis von 3,50 Euro. Diese Preisklasse ist dem normalen Konsumenten für »Massenware« bekannt. Aber auch zum Preis von 90,- Euro wäre nach unseren Einschätzungen der Hase gleichermaßen an den Mann gekommen, wenn man dafür auf jede weitere Farbvariante verzichtet hätte.

 

Wir wollen nicht doktrinär erscheinen. Schließlich sprechen wir von einem Kunstobjekt. Vielleicht war die Dissonanz zwischen seriellem Kunstobjekt und großem kommerziellem Konsumobjekt Intention des Künstlers. In jedem Fall versteht er sich als »Impulsgeber für Kommunikationsprozesse«, wie wir der bereits zitierten Internetseite entnehmen. Das ist ihm gelungen.