Rätsel Kinderlosigkeit -

ein Exkurs in die Irreführende Handhabung der Statistik

Bei der Frage nach den Ursachen des deutschen Babyschwundes scheint der Sündenbock schnell gefunden: Die Akademikerinnen sind Schuld! Ihre Fokussierung auf die Arbeitswelt statt auf Heim, Herd und Familie sei die Ursache dafür, dass in Deutschland lediglich 1,4 Kinder pro Frau zur Welt kommen. 40 % der Akademikerinnen bleiben nämlich ohne Nachwuchs, so das Statistische Bundesamt in Wiesbaden.

 

Sowohl über die Ursachen als auch die Auswirkungen wird viel diskutiert, doch eines wird dabei schlichtweg vergessen – die Zahl ist falsch! Im Grunde ist gar nicht bekannt, wie viele deutsche Frauen, seien es nun Akademikerinnen oder nicht, kinderlos bleiben. Klar ist nur: Die Daten der amtlichen Statistik zur Kinderlosigkeit sind nutzlos.

 

Wie kann das sein? Jede Geburt wird in Deutschland registriert, da erscheint eine Auswertung der Zahlen nicht schwierig. Aber: Zwar melden die Standesämter jede Geburt, allerdings wird die Reihenfolge pro Frau nur innerhalb einer bestehenden Ehe gezählt. Wenn nun also eine Frau und Mutter erstmals oder aber wieder heiratet, dann springt die Statistik auf Null. Somit ist im Grunde nicht mehr nachvollziehbar, ob eine Frau tatsächlich oder nur scheinbar nie geboren hat.

 

Daher nutzt das Statistische Bundesamt eine andere Möglichkeit der Datenerhebung: Der Mikrozensus. Es handelt sich hierbei um eine Befragung zum Arbeitsmarkt und zur Wohn- und Lebenssituation, an der rund 800.000 Bundesbürger beteiligt sind. Der Mikrozensus mit seinen riesigen Fallzahlen gilt als durchaus repräsentativ. Jedoch müssen die Frauen auch hier nicht angeben, wie viele Kinder sie zur Welt gebracht haben. Es wird lediglich nach der Zahl der im Haushalt lebenden Kinder gefragt. 2004 sollte dieser Missstand bei einer Änderung des Mikrozensusgesetzes und des entsprechenden Fragenkatalogs behoben werden. Die neu formulierte Frage nach der tatsächlichen Anzahl der Geburten legte der Bundesrat allerdings wieder ad acta – angeblich ist eine solche Auskunft zu intim. Übrigens wurde auch die Frage zum Wunsch nach Kinderbetreuung vom Bundesrat wieder gestrichen – gerade dieses Ergebnis wird den Verfechtern der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicher sehr fehlen.

 

Man bleibt also dabei, lediglich die im Haushalt lebenden Kinder müssen angegeben werden. Das Ergebnis: Mit steigendem Alter steigt die Kinderlosigkeit. Logisch, denn bei älteren Müttern ist zumindest ein Teil der Kinder meist schon wieder ausgezogen. Dies versucht man zu umgehen, indem zur Bestimmung der Kinderlosigkeit lediglich die Altersgruppen zur Auswertung herangezogen werden, die noch nicht von diesem Kinderschwund betroffen sind. Nach Ansicht des Statistischen Bundesamtes sind dies Frauen zwischen 35 und 39 Jahren. Anhand dieser Vorgehensweise kommt man bei Universitätsabsolventinnen tatsächlich auf einen Wert von rund 40 % kinderloser Frauen. Aber auch diese Methode ist fern ab von der Realität. Gebildete Frauen bekommen immer später Kinder, Erstgeburten jenseits der 40 sind nicht mehr so selten wie noch vor 10 Jahren. Die endgültige Kinderlosigkeit dieser Gruppe liegt also weit niedriger, vermutlich bei etwa 25 %. Der durchschnittliche Wert der Kinderlosigkeit liegt übrigens bei 20 %, die Akademikerinnen bilden also im Grunde gar keine große Ausnahme.

 

Anscheinend also existiert die strikte Trennung zwischen Familie und Karriere eher in den Köpfen der Menschen. Nichtsdestotrotz brauchen wir in Deutschland verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Vielleicht kurbeln die verfälschten Angaben zur Kinderlosigkeit diese Diskussion an. Dass man mit dramatischen Zahlen mehr Öffentlichkeit erreicht ist ja bekannt, aber was es bewirkt – wir werden es sehen.

INFO

Die neue Bundesregierung plant eine Umstrukturierung der finanziellen Unterstützung von Familien mit Kindern. Nicht nur die neugeschaffenen Möglichkeit, Betreuungskosten steuerlich geltend zu machen und das neue Elterngeld setzen deutliche Signale für Familien.

 

Besonders begünstigt werden erziehungswillige Väter: Bleibt der Mann mindestens zwei Monate zu hause bei den Kindern, so wird das Erziehungsgeld länger ausgezahlt.

 

Die Richtung der neuen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ist somit klar: Väter werden gefordert, Familien gefördert.