So erfolgreich wie menschenfreundlich

Der Unternehmer und Physiker Ernst Abbe deckelte schon vor hundert Jahren Managergehälter.

Carl Zeiss
(Quelle Portraits: Carl Zeiss-Archiv)

Er war Mitgründer von Carl Zeiss und Schott Glas. Als Direktor führte er die Unternehmen zu immer höheren Gewinnen. Als Sozialreformer verkürzte er zugleich schon um 1900 die Arbeitszeit. Er war Erfinder und hat ganze Produktlinien selbst entwickelt. Als Physiker bleibt der Entdecker beispielsweise der „Abbeschen Sinusbedingung“ unvergessen. Ernst Abbe war zu hundert Prozent das, was man heutzutage einen Innovator nennt.

 

Abbe starb am 14. Januar 1905 mit 65 Jahren. Die Gewerkschaften loben ihn als einen, der schon im 19. Jahrhundert in seinem Unternehmen freiwillig Mitbestimmung, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einführte. Später begrenzte er die Arbeitszeit auf 8 Stunden täglich und erhöhte damit die Produktivität in seinen Werken. Zugleich stieg die Mitarbeiterzahl bei Carl Zeiss unter der Führung Abbes von 25 auf 1.400, der Umsatz stieg um 40.000 Prozent auf fünf Millionen Reichsmark. „Shareholder value“ war nie Abbes Anliegen.

 

Abbe wurde 1840 in Eisenach als Arbeiterkind geboren. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, Physik und Mathematik zu studieren. Mit 23 lehrte er schon an der Universität Jena, mit 30 wurde er Professor. Seit 1866 arbeitete er als freier Mitarbeiter der Werkstatt für Optik und Feinmechanik des Carl Friedrich Zeiss an der Verbesserung von Mikroskopen. Auf seinen Entwicklungen beruhten viele der weiteren Fortschritte in der Astronomie, Biologie und Medizin. Die Farbtreue und die Vergrößerungskraft seiner Neuentwicklungen ermöglichten es beispielsweise Robert Koch, die Bakterien zu entdecken. 1876 wurde Abbe Teilhaber bei der neu gegründeten Firma Carl Zeiss Jena. Als Zeiss zwölf Jahre später starb, übernahm Abbe das Unternehmen

 

Zwischenzeitlich gründete Abbe zusammen mit Otto Schott das Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen. Der Betrieb erlangte schnell Weltruf mit Spezialgläsern für jede erdenkliche Anwendung. Um sicherzustellen, dass Schott Glas und Carl Zeiss unabhängig von den Interessen allzu kapitalistisch gesinnter Eigentümer – oder Shareholder – blieben, gründete Abbe 1889 eine Stiftung, an die nach und nach alle Anteile der beiden Unternehmen fielen. Die Betriebe erhielten eine Verfassung, die Abbes soziale Errungenschaften festschrieb. Eine Regel war Abbe besonders wichtig: Die Einkünfte der Top-Manager mussten unter dem Zehnfachen des durchschnittlichen Arbeitslohns liegen. Ein Bonus war nur aus dem Umsatz mit eigenen Erfindungen erlaubt. Das sollte zu Neuerungen anregen.

 

Die Stiftung existiert noch und ist weiterhin Eigentümerin der Carl Zeiss AG, Oberkochen, und der Schott AG, Mainz, die weltweit mehr als 33.000 Mitarbeiter beschäftigen. Mit dem Geld aus den Unternehmen fördert die Stiftung zum Beispiel Studenten an der Schiller-Universität und der Fachhochschule Jena.

 

Im Jahr 2004 gab es die erste größere Änderung an den Statuten: Zeiss und Schott waren vorher keine Aktiengesellschaften. Jetzt haben sie eine bekanntere Rechtsform, ihr Management kann zudem unabhängiger agieren. Ein Börsengang bleibt jedoch ausgeschlossen und die mitarbeiterfreundlichen Stiftungs-Statuten wurden bei der Änderung auch auf Zeiss-Angestellte ausgeweitet, die bisher nicht in ihren Genuss kamen, etwa Mitarbeiter in Jena. In den Statuten fehlt allerdings mittlerweile die Begrenzung der Managergehälter. Technik-Unternehmen mit Weltruf müssten ihren Führungskräften Marktpreise zahlen, so ein Zeiss-Sprecher.

 

Finn Mayer-Kuckuk