"Totgesagte leben länger"

Die Wiederauferstehung der ostdeutschen Produkte

Ostprodukte

14 Jahre nach dem Fall der Mauer sind typische Ostprodukte sehr gefragt. Besonders in der Nahrungs-, Genussmittel- und Kosmetikbranche ist derzeit eine regelrechte Renaissance der Ostmarken zu beobachten: »Fit« Spülmittel, »Florena« Creme, »Spreewald-Gurken«, »Bautzner Senf«, »Burger« Knäcke, »f6« Zigaretten, »Karo« Kaffee, »Club-Zigaretten«, die Biermarken »Hasseröder«, »Wernesgrüner«, »Radeberger« und »Köstritzer«, »Rotkäppchen« Sekt, »Nordhäuser Korn« Schnaps usw. Doch woher kommt dieser Trend und setzt er sich im Osten gleichermaßen wie im Westen Deutschlands durch?

"Westeuphorie" und "Ostalgie"

Für eine genauere Betrachtung der Gründe muss man bis 1989 zurückgehen, denn damals sah die Situation noch anders aus. Die erste Phase nach der Wende war gekennzeichnet durch Ausprobieren und Prüfen. Die unterschiedlichsten Westprodukte wurden gekauft und getestet. Was aus dem Osten kam, war für die meisten Ostdeutschen nichts mehr wert, sogar frische Waren wie Obst und Gemüse wurden bei westdeutschen Handelsketten erworben. Dies blieb natürlich nicht ohne Folgen, die großen Handelsketten stellten ihr Warensortiment auf Westprodukte um, die Ostprodukte verschwanden aus den Regalen.

 

Doch nach einiger Zeit legte sich diese »Westeuphorie« und die Enttäuschungen der ersten Jahre nach 1989 wirkten sich aus: Viele Ostdeutsche dachten an »ihre« Warenwelt zurück, in der sie so viele Jahre zu Hause gewesen waren. Langsam setzte wieder eine Hinwendung zu den »eigenen« Produkten ein. Diese Rückbesinnung, oft auch als »Ostalgie« bezeichnet, hat wenig mit der Sehnsucht nach der Rückkehr des alten DDR-Systems zu tun. Es ist vielmehr nur eine Reaktion auf die Erlebnisse der Nachwendezeit, mit all ihren guten aber auch schlechten Seiten. Es waren auch die eigenen Erfahrungen mit der westlichen Warenwelt, die die Ostdeutschen zurück zu ihren eigenen Produkten brachte.

 

Ostdeutsche Hersteller erkannten ihre Chance und stimmten ihre Marketingstrategien auf diesen Trend ab. Denn das in diesem Zusammenhang entstandene »Wir-Gefühl« der Ostdeutschen eignete sich hervorragend für die Vermarktung von Ostprodukten. Als Beispiel wäre hierfür der Werbespruch der Firma Kathi, ostdeutscher Marktführer für Backmischungen, zu nennen:

"Der Osten hat gewählt: Kathi".

Das Getränk »Club Cola« macht es noch deutlicher:

"Club Cola - unsere Cola".

Auch in diesem Slogan wird die Anspielung auf das neue Gefühl deutlich. Als die »Club Cola« 1992 wieder auf den Markt kam, warb sie frech mit den Worten:

"Hurra, ich lebe noch".

Auf den ersten Blick bezieht sich dieser Satz auf das Produkt, doch auf den zweiten Blick kann er durchaus als Anspielung auf die DDR-Wirtschaft und somit auf die Bürger der neuen Bundesländer verstanden werden.

"Von einigen belächelt, ist sie doch nicht tot zu kriegen: Club Cola - die Cola aus Berlin",

geht die Anzeige im Kleingeschriebenen weiter. Dieser Werbespruch trifft genau, wie sich viele Ostdeutsche fühlen: Die anderen sollen ruhig über uns lächeln, wir lassen uns trotzdem nicht klein kriegen. In diesen neuen Slogans wird also der Lebenseinstellung im Osten Ausdruck verliehen.

 

Die Werbung erreichte in diesem Fall ihr Maximum: Die Produkte erhielten eine bestimmte Identität, die eine direkte historische und gesellschaftliche Verbindung zu den Käufern vorwies. Die Geschichte der Produkte und der Menschen, die diese kaufen, ist somit untrennbar verbunden.