Trinken, turteln, Tabak verkaufen.

Die amerikanische Fernsehserie „Mad Men“ spielt in Manhattans Werbewelt der sechziger Jahre. Seit Anfang Oktober läuft die Produktion auch in Deutschland. Faszinierend an „Mad Men“: die Liebe zum Detail, die die Serie an den Tag legt.

Mad Men
Foto: Carin Baer/AMC

Wissensvorsprung als Erzählprinzip

„Mad Men“ anzusehen ist ein wenig wie eine Reise in eine nicht gänzlich fremde Kultur: die Serie präsentiert oft Wertvorstellungen, die zwar bekannt, aus heutiger Sicht mindestens altmodisch, meist aber in höchstem Maße politisch inkorrekt sind – sei es der Sexismus im Büro („Remember... when God closes a door, he opens a dress.“) oder das offensichtliche Fehlen jedes Gesundheits- oder Umweltbewusstseins: unvergessen die Szenen, in denen die Vorzeigefamilie die Abfälle des Sonntagspicknicks einfach auf der idyllischen Wiese liegen lässt oder die schwangere Nachbarin beim Kaffeeklatsch wie ein Schlot raucht.

 

Das Besondere ist dabei, dass „Mad Men“ solche Verhaltensweisen ganz selbstverständlich zeigt, aber nicht explizit thematisiert. Auf diese Weise dienen sie der subtilen Charakterisierung einer Zeit und der dazugehörigen Kultur. Im erfrischenden Unterschied zur klassischen Fernsehserie steckt nicht in jeder Folge eine moralische Lektion oder gar das Ziel, heutige Konventionen als überlegen darzustellen.

 

Ein Teil des Reizes von „Mad Men“ liegt also in dem Wissensvorsprung, der den Zuschauer ahnen lässt, dass die bevorstehenden sozialen Veränderungen – die alternativen Lebensentwürfe der Hippies, die Bürger- und Frauenrechtsbewegungen – bereits am Horizont dräuen und nicht ohne Spuren für das Leben und die Arbeit der Protagonisten bleiben werden. Der andere Teil des Reizes liegt im Schwelgen in eben dieser historischen Gegenwart ohne das Wissen um die Zukunft.

Die Werbung von gestern

Genauso verhält es sich mit der Arbeit, die bei Sterling Cooper gemacht wird. Heute wissen wir, dass sich die Art und Weise, Werbung zu machen, seit den sechziger Jahren erheblich verändert hat. So kann man sich als Zuschauer darüber amüsieren, dass ein ehrgeiziger Mitarbeiter es fertigbringt, die Einrichtung einer Abteilung für Fernsehwerbung durchzusetzen (man muss schließlich mit der Zeit gehen) und ihr Chef zu werden, dann aber recht unschlüssig ist, worin seine neue Aufgabe eigentlich besteht. Greifbar auch die Angst des Grafikers um seinen Arbeitsplatz, als ihm klar wird, dass die Kunden heute keine Zeichnungen mehr, sondern Fotografie wünschen. Und verständlich die Fassungslosigkeit der Werbeleute, als sie eine der berühmten Anzeigen der Agentur Dane Doyle Bernbach für den VW Käfer sehen, in der die gängigen Regeln dafür, wie man ein Produkt bewirbt, komplett über den Haufen geworfen wurden. Die meisten der Kampagnen, die in der Serie entwickelt werden, haben übrigens reale Vorbilder, wenn diese auch zugunsten der Fiktion modifiziert und der Kreation der Protagonisten zugeschrieben wurden. Mit ihrer Hilfe erwachen die sechziger Jahre zum Leben: so man kann die männliche Hauptfigur, Don Draper, dabei beobachten, wie er dem Tabakhersteller Lucky Strike den legendären Slogan „It’s Toasted“ verkauft; wie er nach einer geschickten PR-Lösung sucht, die das schlechte Image von Hundefutter verändern soll; und trotz des Vorwissens um die Schicksale der beiden Damen kann man sich von der Kampagne hinreißen lassen, die behauptet, dass in jeder Frau sowohl eine Jackie Onassis als auch eine Marilyn Monroe stecken (dasselbe Model, einmal in dunkler, ein- mal in blonder Perücke, präsentiert ein weißes und ein schwarzes Modell eines Playtex-Bhs).

 

Dabei vermeidet die Serie es, nur statisch im Retro-Chic zu schwelgen. Die kontinuierliche Erzählung der bisherigen drei Staffeln birgt ungeahnte Plotentwicklungen und verweigert dem Zuschauer die Sicherheit der Wiederherstellung der ursprünglichen Konstellation am Ende jeder Episode. Doch egal, ob man „Mad Men“ wegen des Plots ansieht oder aus ästhetischen oder zeitgeschichtlichen Gründen schätzt: sicherlich wird diese Serie die Messlatte für intelligente Fernsehunterhaltung in Deutschland ein ganzes Stück nach oben verschieben.

 

„Mad Men“: Mittwochs um 2230 Uhr bei ZDF neo

17.07.2012
17:35
15.07.2012
02:55
11.07.2012
08:06
15.11.2010
16:39
Hans:

Ich mag die Serie