Unterhaltung neu positioniert

In Deutschland boomt die Nachfrage nach Unterhaltung mit dem Prädikat "lehrreich"

Quiz
»In den 80er Jahren wurden Quiz-Brettspiele wie „Trivial Pursuit“ millionenfach verkauft.«

„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, diesem Sinnspruch stimmt jeder gerne zu. Dass „Wissen“ bares Geld wert sein kann, lernen Kandidaten und Zuschauer der Quiz-Show „Wer wird Millionär?“.

 

Seit 1999 bringt das Format RTL Top-Quoten. Egal, ob eine Frage aus dem alten Testament, zu physikalischem Grundwissen oder um das Album einer 90er-Pop-Band richtig beantwortet wird, es wird sofort und mit barer Münze bzw. etlichen Tausend Euro belohnt. Derart konditioniert steht der Verbraucher Bildungsthemen sehr empfänglich gegenüber. Denn, so denkt man, wer „gebildet“ ist, der kennt in Quiz-Shows, beim Smalltalk oder in anderen heiklen Alltagssituationen die richtige Antwort. Die großen Medien-Konzerne reagieren prompt: Wie die Pilze schießen Quiz-Shows aus dem Boden, in Sendungen, wie „Der große Rechtschreibtest“, „Der große Bibeltest“ u. v. m. können Zuschauer ihre Quiz-Bildung gezielt auffrischen. Für „Bildungshungrige“ mit höherem Anspruch zeigen die Öffentlich-Rechtlichen verstärkt Dokumentationen zu einer breiten Themenpalette und bieten mit Phoenix sogar einen eigenen Dokumentationskanal an. Diverse auflagenstarke Wissensmagazine, „Zeit Wissen“, „SZ Wissen“ oder „GEOkompakt“, wurden im letzten Jahr neu herausgebracht.

"Allgemeinbildung macht gesellschaftstauglich und sexy"

Tatsächlich steht bei den Deutschen das Thema Allgemeinbildung ganz oben. Das bestätigt eine im letzten Jahr im Auftrag von GEOkompakt durchgeführte Untersuchung des Forsa-Instituts. 97 % von 1001 Befragten beurteilten ein gutes Allgemeinwissen als „ziemlich wichtig“ oder „sehr wichtig“. Außerdem erhöhe es das Selbstbewusstsein (so 92 %), die Karrierechancen (86 %) und die Attraktivität auf das andere Geschlecht (60 %). Zu dem als wichtig eingeschätzten Wissen gehören Kenntnisse des laufenden politische Geschehens, des politischen Systems und der darin handelnden Personen sowie geschichtliches Wissen und solide naturwissenschaftliche Kenntnisse. Aber kann ein TV-Quiz bildungsfördernd wirken? Das denken immerhin 73 % der Befragten.

Gibt es diesem Bildungstrend wirklich?

Wäre der Wert „Allgemeinbildung“ früher geringer eingeschätzt worden? Wohl kaum. Es war schon immer unangenehm, in Gesellschaft einer Wissenslücke überführt worden zu sein. Auch die Quiz-Begeisterung der Deutschen ist nicht neu. Denn mit Ratesendungen namens „Alles oder nichts“, „Hätten Sie‘s gewusst?“ oder „Vergissmeinnicht“ mit Peter Frankenfeld hat sich das Fernsehen in den 60er Jahren zum Massenmedium etabliert und die Quiz-Tradition u. a. mit Wim Tölke und „Der große Preis“ bis in die 90er Jahre aufrechterhalten. Fraglich ist nur, ob damals die Einschätzung des Lerneffekts beim Publikum ebenso hoch ausgefallen wäre wie heute.

 

Da Bildung im weitesten Sinne schon immer gesellschaftliche Anerkennung und Sex-Appeal einbrachte, ist öffentliches „Wissens-Messen“ spannend wie ein Boxkampf. Auch eine Dokumentation zur Zeitgeschichte kann für ein breites Publikum spannend gemacht werden, wie Guido Knopp im ZDF beweist. In Anbetracht schwacher Konjunkturjahre, hoher Arbeitslosenzahlen und schlechter PISA-Ergebnisse ist der Wunsch, Wissensdefizite auszugleichen, stärker ins Bewusstsein gerückt.

So wird aus "Entertainment" "Edutainment"

Fakt ist, dass alle zuvor beschriebenen „Massen-Bildungs-Produkte“ in erster Linie einen hohen Unterhaltungswert haben. Neu ist, dass sie unter dem Aspekt der Allgemeinbildung beim Konsumenten einen derart hohen Stellenwert erhalten. Der Begriff „Edutainment“, eine Kreation aus „Entertainment“ (Unterhaltung) und „Education“ (Bildung), positioniert die altbewährten Produkte neu. An diesen Aspekt gewöhnt, ändert sich auch die Erwartungshaltung und Nachfrage des Konsumenten: jede Unterhaltung mit vermeintlichem Bildungs-Bonus gewinnt an Attraktivität. So hat auch im Software-Bereich der Anteil an Info-/Edutainment-Produkten im letzten Jahr laut mcvgamesmarkt um 20 % zugenommen.

Was ist mit dem Bildungsträger Buch?

So wie sich schlichtes Entertainment zum Edutainment mausern kann, funktioniert es auch andersherum. Das bewies spätestens der im letzten Jahr verstorbene Dietrich Schwanitz mit seinem 1999 erschienenen Bestseller „Bildung, alles was man wissen muss“. Von Literatur, Kunst, Musik, Philosophie und Ideologien fasste der Autor witzig und unterhaltsam geschrieben zentrale Punkte des europäischen Allgemeinbildungsschatzes zusammen. Ein Verkaufsschlager. Wenn auch z. T. stark kritisiert, da der mit dem Buchtitel hoch gestellte Anspruch auf 704 Seiten nur subjektiv und „oberflächlich“ erfüllt werden konnte. Klar. Aber darum hat das Lesen ja gerade vielen Käufern Spaß gemacht. Der Autor selbst schrieb den wachsenden Bildungsboom in Deutschland einem Bildungsnotstand der Bevölkerung zu, ausgelöst durch ein schlechtes Bildungssystem. Ob durch Bildungsnotstand oder durch die Entstehung eines neuen Unterhaltungs-Profils geweckt – die Nachfrage nach unterhaltender Allgemeinbildung ist groß. Die traditionellen Medienansprüche haben sich verändert.