Ausgabe 22, Mai 2010 | In Aktuelles | 0 Kommentare

Von Krise zu Krise oder von Aufschwung zu Aufschwung?

Krisen und Aufschwünge sind mit Naturereignissen zu vergleichen. Sie wechseln wie Sonne und Wind. Lesen Sie, wie unser Chefredakteur Rainer Schultz Krisen und Aufschwünge als „etwas ganz Normales“ sieht.

Hand

Die in Krisen getroffenen Entscheidungen können zu Lösungen oder Katastrophen führen. Weil sie von Menschen gefällt werden, deren Charakter nicht durchschaubar ist, bleibt daher offen, wie eine Krise ausgeht. Frühzeitiges und richtiges Erkennen des sich anbahnenden Problems oder Unheils und das daraus folgerichtige Handhaben sind Lösungsansätze, geben aber keine Gewähr dafür ab, dass alles nach Plan verläuft.

 

Die Sehnsucht der Menschenkinder nach einer gerechteren Gesellschaft wird mit jeder Generation neu geboren. Blicken wir voraus. In einem Vierteljahrhundert wird sich die Welt um den Faktor „Zeit“ verändern. Wie viele Krisen uns bis dahin noch bevorstehen, steht in den Sternen.

 

Heute ist das gestern von morgen, sagt ein schlauer Spruch. Heute sind wir in einer Krise, in der Finanzkrise, so ihre offizielle Bezeichnung. Wann kommt die nächste? Ist es die Beschäftigungskrise, die Orientierungskrise, die Generationskrise, die Legitimationskrise, die Akzeptanzkrise, oder die Kostenkrise? Eine Gesellschaft produziert ihre Probleme immer selbst. Wissenschaftler sprechen bei Krisen und deren Dauer von einem Prozess rationaler und irrationaler Unwägbarkeiten. Zwischen guten und schlechten Zeiten liegen solche, die man als normal – also gut – bezeichnet.

 

In Erinnerung bleibt ein Erfahrungsfeld von gut und böse. Was die Wissenschaftler die psychologische oder die qualitative Zeit nennen, ist eine „Erlebniszeit“. Man kann niemals eine Zeit erleben, ohne irgendein Erlebnis zu fühlen. Zeit ist Schicksal, Schicksal ist erlebte Zeit. So erhalten Krisen einen Namen, um  sie ein für allemal in Dokumente fassen zu können, damit sie später besser verstanden werden. Dass auf eine schlechte Zeit auch wieder eine gute folgt, bleibt weitgehend undokumentiert und auch nicht in Erinnerung. Es ist ein Selbstverständnis. Erinnern Sie sich an eine schöne Zeit mit einem  klingenden Namen? Die „Goldenen Zwanziger“ vielleicht, oder die „Achtundsechziger“. Beide stehen mit Katastrophen in engem Zusammenhang.

Erfahrungen sind gut, wenn man sie gemacht hat

Auch die Deutschen, mit einer der leistungsstärksten Volkswirtschaften in der Welt, haben besonders heftige Krisen durchstanden: den Wiederaufbau, die RAF Ende der Sechziger, die Ölkrise in den Siebzigern, die Wiedervereinigung in den Neunzigern, die daraus folgende hohe Arbeitslosigkeit Anfang dieses Jahrtausends. Und heute? Der demografische Wandel, die daraus folgende strukturelle Veränderung, der Wertewandel sind Situationen, die „da“ sind und mit denen man zurechtkommen muss.

 

Auch im Privaten macht der Mensch im Laufe seines Lebens mehrere Krisen durch. Dazu hat uns der Schöpfer viele gute Voraussetzungen mitgegeben: die Intuition und den Verstand. Das „Böse“ erhält so einen Begriff für die Erinnerung. Das „Gute“ wird zum Normativ. In einer Gesellschaft ist das ähnlich. Die nachwachsenden Generationen müssen Erfahrungen machen, um zu wissen, was zu tun ist, bevor man in Gefahr gerät. Wie heißt die nächste Krise?

 

Auch die Wirtschaftskrise hatte ein Frühwarnsystem. Zumindest ein solches, um sie verhindern zu können. Hier haben aber die Faktoren Erfahrung und Intuition versagt. Alles Rationale ist nämlich beherrschbar, das Irrationale dagegen nicht. Wenn die Vernunft in Zukunft über allem stehen würde, wären die Krisen um etliche Ereignisse geringer; wenn das Irrationale aber außer Kontrolle gerät, dann sieht es düster aus mit der Krisenbewältigung.

 

Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen haben eines gemeinsam: sie stehen still in den Dokumenten der Archive. Und weil alles so schön in Folge geschieht, geben die Historiker den Ereignissen Namen wie „Weltwirtschaftskrise“, „Finanzkrise“, „Kubakrise“ oder „Börsenkrach“. Zum Trost aller krisengeschüttelten Menschen, deren Krise noch nicht vorüber ist, ein Zitat aus dem Faust. Mephisto antwortet auf die Frage des Faust „Wer bist du denn?“ – „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“