"Was muss ich wissen, was nicht?"

Die Explosion des Informationsangebots ist für die Gesellschaft eine Frage der Differenzierung von wesentlichen Nutzen oder unwesentlichen Schrott

Fässer
»Wichtig, Ablage, Müll: Wir müssen täglich tausende von Informationen sortieren.«

Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo man nachzuschauen hat. Stimmt! Doch ein kleines Lexikon reicht nicht aus, wenn man es genau wissen will. Man braucht viel mehr. Das Internet ist heute das meistgefragte Lexikon der Welt. »Wissen ist Macht«, sagte einer, der viel wusste, weil er für sein Erlerntes eine Menge Zeit investierte. Friedrich Nietzsche war mit sechsundzwanzig der jüngste Professor, nicht nur, weil er gebildet war. Gebildet sein bringt heute mehr berufliche Chancen. Wer will nicht mit Wissen glänzen? Um aber ständig auf dem Laufenden zu sein, muss man heute mindestens drei Stunden konzentriert Wissen aufnehmen, um nur einigermaßen über das Geschehen des Tages Bescheid wissen zu können. Ich besitze ein Konversations-Lexikon aus den Siebzigern mit dem Gebündelten Wissen dieser Zeit. Es sind dreiundzwanzig Bände und es ist heute noch eine solide Basis für gezielte Fragen. Als der weise Philosoph Seneca vor über 2000 Jahren von der Zeit sprach, die man nützen sollte für die wichtigen Dinge im Leben, hatte er noch keine Ahnung davon, wie viel Informationen der Mensch von heute in Anspruch nehmen kann – auch ungewollt – und welche davon für ihn nützlich sind und welche nicht. Fernsehprogramme, Radiosender, Zeitungen, Zeitschriften, Internet und Werbung bieten eine Flut von Informationen, die mehr oder weniger bewusst oder unbewusst von uns wahrgenommen werden.

 

Was ist wichtig für uns? Interessant, uninteressant? Ist es wichtiger, über Vorteile Bescheid zu wissen oder ist mir meine Bequemlichkeit, die man auch als Unwissenheit bezeichnen kann, wichtiger? Ich weiß es nicht, ich handle einfach nach dem Zufallsprinzip.

Die meisten Informationen sind überflüssige Nahrung für unser Unterbewusstsein

Jeder Mensch, der über Internet oder Handy verfügt, kann mit jedem anderen Menschen auf unserer Erde über diese Medien in Verbindung treten und Informationen austauschen. Wirklich wichtige? Hier zunächst die lapidare Feststellung: Jede Information, die aufgerufen wird, die gehört oder gelesen wird, die gesucht oder empfangen wird, hat soviel Informationswert, wie der Suchende ihr an Zeit und Aufmerksamkeit widmet.

 

Wer den Diskurs in Sachen Werbung und Internet beobachtet, wird feststellen, dass seit längerer Zeit allerhand im Umbruch ist. Die klassischen Marketing-Instrumente verlieren mehr und mehr an Bedeutung, weil die Marken ihre Kraft und Effektivität verlieren. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines kulturellen und medialen Veränderungs-Prozesses, der längst die Regie unseres Handelns und Bewusstseins übernommen hat. Weil die Produkte sich immer mehr ähneln oder angleichen, sind auch die Informationen über sie nahezu identisch. Muss ich das alles wissen? Nein – ich muss nicht!

 

Ich verbringe Zeit, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Allein schon der Titel eines Bestsellers, »Alles, was man wissen muss«, versetzt mich in leichte Panik, wenn ich auf Seitenzahl und Schriftgröße sehe. »Muss ich das wirklich alles wissen?« fragt mein Unterbewusstsein und meine Sehnsucht nach Wissen schwindet, wenn ich den Faktor Zeit ins Kalkül bringe.

Eine Information muss einen Nutzen haben, sonst ist es keine

Es ist mit allen Informationen so. Das Individuum, und damit sind wir selbst gemeint, entscheidet, ob die Qualität, also der Inhalt der Informationen, ausreicht, von uns aufgenommen zu werden oder nicht. Neugier ist die menschliche Tugend, die den Menschen verleitet, die Information erst einmal zu erfassen. Unser Gehirn ist in der Lage, innerhalb eines Sekundenbruchteils das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Wichtige Informationen werden gespeichert, also im Gehirn abgelegt, unwichtige ziehen an ihm vorbei und werden so zur Uninformation. Je paradoxer unsere Welt wird, um so intensiver wird der Bedarf nach Mythen. Dies ist ein Trend, den die Marketingstrategen nicht unberücksichtigt lassen dürfen. Ein Mythos entsteht da, wo eine neue Form von Spiritualität mit der Produktleistung einhergeht. Doch Vorsicht: die Gefahr der Manipulation für konstruierte Mythen ist da.

Dramatische, undramatische, wissenswerte, unwichtige, lebenserhaltende, wichtige - jede Information hat einen Inhalt

Meistens sind es Angebote, vom Staubsauger, über die erfolgreiche Lotto-Tippgemeinschaft bis hin zum kostenlosen Sehtest beim Optiker die als Information in unserem Briefkasten für Überfüllung sorgen. In den Zeitungen machen »Schweinebauchanzeigen« den Mund wässrig, was es so alles gibt für 99 Cent. Düfte, Wurst und Co. grüßen mit Lockrufen.

 

Ja, was ist wichtig für mich? Und was nicht? Ich komme auf die Idee, wissen zu wollen, woher das Wort Kanzler abstammt, sicher eine nicht ganz so wichtige Information. Bis ich es herausgefunden habe, sind etwa vierzig Minuten Zeit vergangen, trotz Internet und anderen ausgiebigen Quellen (hat mit dem Wort Kanzel nichts zu tun). Jetzt weiß ich es und beschließe, daraus bei passender Gelegenheit einen Nutzen zu ziehen, indem ich beim nächsten Stammtischgespräch die Leute darauf dränge, wissen zu wollen, woher das Wort abstammt, das so häufig gesagt, gedruckt und gezeigt wird. Wollen Sie es wissen?

 

Unter www.diezwei.de/kanzler finden Sie die Lösung.