Wie viel Arbeit schluckt das Kapital noch?

Die tragenden Säulen der Volkswirtschaft fallen ins Ungleichgewicht

Brettspiel
»Fang den Hut. Hat das Kapital das Spiel gewonnen?«

Wer Kunden und Konsumenten halten will, sollte darüber nachdenken, wie man die Menschen in den Betrieben behalten kann.

 

Norbert Blüm – jedem von uns noch als Arbeits- und Sozialminister unter Kohls Regierung bekannt – hat sarkastisch ausgedrückt, was jeder dachte: „Die Volkswirtschaft ist kein Patient, an dem man pausenlos herumoperieren kann“. Diese Aussage steht zwar im Zusammenhang mit der ersten Gesundheitsreform anno 1986, aber sie hat auch heute noch brennende Aktualität. Fragt man heutzutage einen Unternehmer, wie er den Satz versteht, könnte die Antwort wie folgt lauten: „Wenn sich an den Unternehmenssteuern nichts drastisch ändert, wenn die Lohnnebenkosten nicht gesenkt werden, verlagere ich meinen Betrieb nach Tschechien oder Polen“.

 

Leider wird heute von vielen Unternehmern in die Tat umgesetzt, was zwar betrieblich von Nutzen ist, aber volkswirtschaftlich langfristig großen Schaden anrichtet. Eigentlich ist unser Staat in einer Situation, die man schlichtweg als katastrophal bezeichnen kann. Neuverschuldungen werden gemacht, um den Haushalt zu finanzieren. Der Haushalt wird immer größer, weil an allen Ecken und Kanten die Ausgaben, insbesondere die des Arbeitsmarktes, Unsummen verschlingen, die in den großen Schlund der Unproduktivität fallen, also keinen Return bringen.

 

4,968 Millionen arbeitslose Menschen, d. h. 12,0 % aller arbeitsfähigen Personen in Deutschland haben keine Arbeit. Das ist eine Zahl, die nur in der Weimarer Republik 1926 übertroffen wurde. Rechnet man die versteckten Arbeitslosen, wie Vorruheständler, Beschäftigungsgesellschaften etc. dazu, dann erreichen wir die erschreckende Zahl von fast 7 Mio. Arbeitslosen, die aber alle von den Einnahmen des Sozialstaates leben müssen. Gehen die Einnahmen zurück und die Ausgaben werden größer und die Reserven sind aufgebraucht, können wir schon von einem volkswirtschaftlichen Kollaps sprechen. Ein Betrieb in dieser Lage wäre nicht lebensfähig.

Fünf Millionen Menschen ohne Beschäftigung kaufen nur das Nötigste

Man bedenke nur, welche Kaufkraft entstünde, sollten eine Million davon in einem sicheren Arbeitsverhältnis stehen. Die Konsum-Unlust der deutschen Verbraucher wäre erheblich geringer, der schwache Binnenmarkt bekäme Aufwind.

 

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Unternehmer ihre Betriebe schließen und in Billiglohn-Ländern produzieren, dann trennen sie sich auch von ihren potentiellen Kunden. Wenn sie im Binnenmarkt noch etwas gelten wollen, dann müssen sie wissen, dass alles, was sie produzieren, in den Warenfluss gelangt, der schließlich zum großen Teil wieder auf den deutschen Märkten landet. Wenn ihre Strategie den deutschen Konsumenten längst abgeschrieben hat und sie sich auf dem Weltmarkt eine Position erhoffen, dann mag das ja wirtschaftlich vertretbar sein, dass die Orientierung der Produktion sich in die Nähe der neuen Kunden begibt oder zumindest zu Weltmarktpreisen anbieten kann. Das können deutsche Unternehmer schon lägst nicht mehr, wenn sie in Deutschland ihren Standort haben. Also, was ist da zu tun?

Verzwickte Probleme brauchen intelligente Lösungen

Wenn eine Volkswirtschaft mit über 80 Millionen Menschen nur 39 Millionen beschäftigen kann, dann krankt sie. Alle Maßnahmen der jüngsten Vergangenheit, wie Hartz I-IV, sind Maßnahmen zu besserer Verwaltung der Arbeitslosigkeit und eine Umverteilung der Sozialhilfe zu Gunsten der Kommunen. Wenn ein Mensch, der 35 Jahre lang an einem Fließband oder in einem Büro gearbeitet hat, im Alter von 55 Jahren – in diesem Alter gilt man als nicht mehr vermittlungsfähig – nach Erhalt von einem Jahr Arbeitslosengeld in die fatale Situation kommt, seine bis auf einen Mindestbetrag angesammelten Ersparnisse zu veräußern, bevor er die Sozialhilfe (Arbeitslosengeld II) in Anspruch nehmen darf, dann sind die sozialen Systeme der Volkswirtschaft nicht in Takt. Angenommen, dieser Arbeitslose hätte seine Versicherungsbeiträge von 14 % des Nettolohnes zusätzlich in einer Lebensversicherung angespart, so könnte er leicht auf die Sozialhilfe verzichten.